Mittwoch, 15. Januar 2014

Adeus Brasil!



Nein, auch der brasilianische Wetterbericht hilft nichts – es ist und bleibt Hochsommer hier in Maringà! Nach einigen Tagen dampfender Füsse und hochrotem Kopf habe ich mich aber doch etwas an die Umgebungstemperatur gewöhnen können, einziges Problem ist nun, dass ich tatsächlich morgen schon wieder zurück in den Winter fliege.

Ich ziehe schon heute Bilanz meines Abenteuers, da ich vor dem morgigen Abflug wohl weder Zeit noch die Nerven habe einen Text zu schreiben. 

Vor der Abreise bescherten mir insbesondere die Temperatur und meine fehlenden Sprachkenntnisse ein leicht flaues Gefühl im Magen. Die Schilderungen im Internet über brasilianische Räubergeschichten oder die hiesigen Hygieneverhältnisse haben natürlich auch nicht zu meiner Beruhigung beigetragen. 

Nun könnte ich heute schon grosse Elefantentränen weinen, weil ich bereits wieder gehen muss. Nicht weil ich keine Lust hätte in den Winter zurückzukehren oder meine Familie wiederzusehen, sondern weil sämtliche Brasilianer und Brasilianerinnen, die ich kennen lernen durfte während dieser Woche, unendlich herzlich, fröhlich und hilfsbereit waren. Mein Bruder hat jeden Abend bei sich im Garten ein Churrasco (Grillfest) organisiert, damit ich möglichst alle seiner engsten Freunde treffe, und das sind nicht wenige. Einzige Churrasco-Ausnahme war der Montagabend, da habe ich ihm und seiner Familie „Hörnli und Ghackets“ gekocht, selbstverständlich mit Schweizer Bio-Hörnli und echtem Appenzeller-Käse.

Aber weg vom Käse, zurück zu den Menschen von hier: Samt und sonders würde ich auf der Stelle das Umfeld meines Bruders adoptieren! Sie alle haben mich mit offenen Armen empfangen, und zu sehen, wie sehr sie meinen Bruder lieben hat mir zutiefst Eindruck gemacht und tut meiner Seele unendlich gut. Nachdem ich mir nun gefühlte 137 Jahre Sorgen gemacht habe, ob er sich wohl fühlt im weit entfernten heissen Land, ohne seine Kollegen aus der Schweiz, ohne seine Familie, ohne den gewohnten Lebensstandard, ohne die gut schweizerischen Sicherheiten, die wir so hoch halten und die uns gleichzeitig strangulieren, kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass er hier angekommen und verwurzelt ist. Ich werde mir nun keine Sorgen mehr machen (ok, oder deutlich viel weniger) und sofort wieder mit der Auffütterung meines Reise-Sparschweinchens beginnen, damit ich bald wieder hierher kommen und ihn sehen kann.

Zu meinem Abschiedsschmerz kommt hinzu, dass meine Nichte das süssteste Kind auf Erden ist, und das sage ich natürlich ganz objektiv! Zu wissen, dass sie bei meinem nächsten Besuch bereits sprechen und gehen wird, und mich nicht mehr erkennt, tut weh. Zur Linderung zähle ich auf die moderne Technologie und winde Skype ein Kränzchen. Es ermöglicht uns, wenigstens halb-live eine Beziehung aufzubauen oder zu erhalten.


Achtung Bruder, ich komme wieder!!

Samstag, 11. Januar 2014

Südhalbkugel

Ich spüre gerade, wie die Wärme meine Hirnzellen lähmt, es schreibt sich viel umständlicher als zuhause, darum schon zum Voraus die Entschuldigung für einen nicht so flüssigen Text.

Nach einer ziemlich langen Reise haben mich gestern mein Bruder und ein brasilianischer Kollege am Flughafen in Londrina abgeholt. Nach gefühlten 378 Stunden Autofahrt (es waren nur 90 Minuten, für 100KM Autobahn, aber meistens im Stau) weiss ich nun auch, dass man in Brasilien besser nicht als Fussgänger oder Mopedfahrer unterwegs ist, wenn man das derzeitige Durchschnittsalter erreichen möchte. Als nicht-Brasilianer ist es wohl auch eher heikel, selber zu fahren;-) gemäss Marcelo (dem Kollegen meines Bruders) absolvieren die Brasilianer ihre Fahrprüfung im Internet, und ungefähr so hat es sich angefühlt. Egal, Hauptsache, das Auto war klimatisiert und die Schweizer Schokolade kam nicht als Schoggi-Fondue an. Auch der Käse hat die Reise überstanden, zwar etwas verschwitzt, aber immerhin ohne Zoll-Probleme.

Das Klima hier ist tatsächlich nicht so mein Ding, und da mir seit meiner Kindheit die innere Kühlmechanik fehlt, leide ich hier ziemlich an der Hitze. Und das, obwohl es anscheinend gar nicht sooo heiss und auch nicht feucht ist. Naja, ich komme eben aus dem Winter (der in der Schweiz bisher auch eher Frühling war) und brauche wohl ein paar Tage (bis Jahre), um mich zu akklimatisieren (mich azzuklimatisieren?). Die Umgebung und die Stadt Maringà hingegen haben mich sehr positiv überrascht: Unglaublich grüne Stadt (also nicht im Sinne von ökologisch) mit ziemlich viel Platz und äusserst freundlichen, hilfsbereiten Menschen. Ich fühle mich bis jetzt sehr wohl hier und überlege mir sogar, im Garten meines Bruders zu campieren, statt hier im Hotel zu wohnen. Das würde mir erstens die Pendlerei zwischen dem Zentrum und seinem Quartier ersparen, zweitens hätte ich mehr von ihm und seiner Familie und drittens gibt es in dieser Stadt keine mühsamen Viecher, die einem in der Nacht in die Nase oder sonst wohin kriechen und fiese Sticheleien hinterlassen. Einziger (und grosser) Nachteil ist, dass er (und das Zelt) keine Klimaanlage hat. Für einen  Menschen, der nicht schwitzen kann, ist das eine ziemliche Herausforderung, da die Temperatur auch nachts nicht unter 29 Grad fällt.

Heute Nachmittag stürze ich mich in den Kampf mit den Bancomaten, danach steht eine Einkaufstour für das (NICHT-vegetarische) Churrasco von heute Abend auf dem Programm. Mein Bruder hat 13 Personen (alles Einwohner aus Maringà) eingeladen, ich bin gespannt auf die Unterhaltungen, die sich ergeben. Mein nicht-vorhandenes Portugiesisch hat gestern Abend schon den Taxi-Fahrer leicht verwirrt, aber mit Händen und Füssen klappt das immer irgendwie. Ein paar wenige sprechen Englisch… ich lasse mich einfach überraschen.

Zum Glück habe ich letzte Woche bereits mit dem Karnivoren-Programm begonnen (hat nichts mit dem Karneval von Rio zu tun!), als meistens-Vegi müsste ich hier ziemlich unten durch, da der Hauptbestandteil einer Mahlzeit Fleisch ist, und zwar viiiiiel Fleisch. Einen Vorgeschmack habe ich gestern Abend bereits bekommen, Marlene (die Freundin meines Bruders) hat für mich gekocht und die Fleischmenge (gemäss ihr) europäischen Verhältnissen angepasst. Ich weiss nicht, was sie sich darunter vorstellt, aber ich fürchte mich nun doch etwas vor dem heutigen Churrasco, das dann wieder den brasilianischen Verhältnissen entsprechen wird.

Sollte mein Verdauungsapparat mit den hiesigen Fleischbergen zurechtkommen, melde ich mich auf diesem Weg sicherlich noch einmal, bevor ich wieder zurück in Richtung Winter (hoffentlich nicht immer noch Frühling) fliege.

Sonntag, 5. Januar 2014

Wissen



Einem geflügelten Wort zufolge ist Wissen ja bekanntlich Macht. Zu einem grossen Teil stimmt das selbstverständlich: Mit Wissen kann besser argumentiert und so zum Beispiel ein Entscheid beeinflusst werden. Manchmal möchte ich aber einfach auch nur etwas wissen, weil es mich interessiert.

Am liebsten hätte ich genügend Zeit, Geld und Geduld, um einfach alles zu wissen, das mich interessiert. Und da das fast alles auf dieser Kugel betrifft, bräuchte ich natürlich auch eine grössere Festplatte im Hirn.

Ich möchte das Wissen eines Astrophysikers haben, dasjenige eines Medizinmanns, ich möchte wissen, wie man kranke Pflanzen wieder gesund macht, wie man ein Fahrrad zusammenbaut, wie man ein Haus baut, wie Sprache und die verschiedenen Dialekte entstanden sind. Ich möchte wissen, warum Menschen in gewissen Situationen auf eine bestimmte Art und Weise handeln, warum wir aus Fehlern manchmal lernen und ebenso oft auch nicht, warum Tiere einen siebten Sinn haben, wie man erfolgreich Rüebli anbaut oder Äpfel so kreuzt, dass eine neue Sorte in der angestrebten Geschmacksrichtung entsteht.

Es wäre doch auch interessant zu wissen, wer darüber bestimmt, welche Artikel in einer Zeitung erscheinen, welche Informationen zu News aufbereitet werden (da fragt man sich ja nicht ganz selten, weshalb es eine Nachricht wohl in die Tagesschau geschafft hat, obwohl sie völlig irrelevant ist), ob diese Entscheide wirklich objektiv sind? Und wer weiss eigentlich wirklich, wie das war mit dem Huhn und dem Ei? Oder was wirklich in einer Nespresso-Kapsel enthalten ist? Gut, gewisse Dinge weiss man besser nicht, wenn man weiterhin gut schlafen oder eben eine Tasse Kaffee geniessen möchte. Wer von uns hat sich nicht schon einmal gefragt, ob überhaupt noch irgendwer den Durchblick im Elektronik-, Daten- oder Internet-Dschungel hat? Hoffen wir einfach, dass wir immer nur an der Oberfläche kratzen, so entsteht am wenigstens Schaden, den dann niemand mehr zu reparieren imstande ist.

Es wäre doch einfach schön, wenn man sich unendlich Dinge aneignen könnte, heute Maurer, morgen Pfarrer, übermorgen Gärtner und am Donnerstag Fischer, wenn man eine Erklärung (und zwar eine richtige) zu den Fragen dieser Welt hätte. Während ich mir hier überlege, wie schön es wäre, noch viel viel mehr zu wissen als gerade zur Zeit, gibt es trotzdem Grenzen für meinen Wissensdurst. Ich möchte zum Beispiel auf gar keinen Fall wissen, wie Zauberei funktioniert. Ich möchte immer wieder Staunen können, und versuchen herauszufinden, wie das Unmögliche möglich wurde… ich möchte auch ganz naiv eine Sternschnuppe beobachten und mir dabei etwas wünschen, ohne sie gleich wissenschaftlich einzuordnen und im schlimmsten Fall auch gleich noch meinem Umfeld zu erklären.

Aber am allerliebsten möchte ich heute hier und jetzt gerade am dringendsten etwas ganz Banales wissen: Trifft mein neuer Pass noch ein bevor ich am Donnerstag meine kalten Füsse gegen die Schweissperlen eintausche? Mein Verlangen nach Wissen wird also sehr deutlich von alltäglichen, einfachen Fragen gesteuert, und das ist auch gut so.

Bis bald, dann ziemlich sicher aus sommerlichen Gefilden!!